Isrun Lorenz
 
 

Interview Smålandsposten

Bei der Familienrecherche auf den Spuren meines schwedischen Vorfahr in Växjö war mir der Archivar des Auswandererinstituts sehr behilflich gewesen. Ich wollte ihm zum Dank den Roman »Ein Sommer in Småland« übergeben und informierte die örtliche Presse, die sich äußerst interessiert an der Geschichte zeigte. Eine Redakteurin interviewte mich auf Englisch, schickte mir den Artikel, und ich ließ eine Übersetzung aus dem Schwedischen anfertigen.

»Der Bericht im Original (pdf)

 

WURZELN. Die Deutsche Heide Isrun Lorenz fand keinen Mörder oder Kriegsverbrecher bei ihrer Familienforschung. Die Spur ihrer Vorfahren führte sie nach Kosta. In der Ahnenreihe fand sie einen Glasbläser, der Deutschland im 18. Jahrhundert verließ.

»Ein Sommer in Småland«

Im Frühjahr debütierte Heide Isrun Lorenz als Schriftstellerin bei dem deutschen Verlag Rowohlt, der »Ein Sommer in Småland« als Taschenbuch herausgab. Der Roman handelt von der deutschen Fotografin Susanne Johansson, die nach ihren Wurzeln in Schweden sucht. Sie trifft dort auf einen Glaskünstler, der sich absolut nicht für seine deutsche Herkunft interessiert, und nach und nach entwickelt sich das Ganze zu einer Liebesgeschichte. Daneben wird die Glasbläserkunst beschrieben, ein Thema, das auf großes Interesse beim deutschen Leser trifft. Es war Heides eigene Familienforschung, die sie inspirierte, das Buch zu schreiben. Als Heide Isrun Lorenz ihre Familienforschung begann, wusste sie nur, dass der Großvater ihrer Großmutter väterlicherseits Schweden gegen 1850 verlassen hatte und nach Berlin ausgewandert war. Extreme Armut war der Grund, dass er, wie viele andere auch, fortging, doch hatte er sich für Europa anstatt Amerika entschieden. Die offiziellen Statistiken zeigen, dass 258 786 Schweden in der Zeit zwischen 1851 und 1930 in europäische Länder emigrierten. - Meine Eltern waren nicht an ihm interessiert. Angeblich hatte er schlechte Gene in die Familie gebracht. Sie sprachen nie über ihn. Nach dem Tod ihrer Eltern fand Heide Isrun ein Foto mit dem Geburtstag und Geburtsort ihres Vorfahren. - Was für eine Entdeckung, dachte ich. Der Geburtsort hieß Skatelöv, also kaufte ich eine Landkarte von Schweden und sah, dass der Ort ganz in der Nähe von Växjö liegt. Heide ging weiter, nahm Kontakt zum Fremdenverkehrsamt auf und erfuhr, dass es ein Auswandererhaus in Växjö gibt. - Komm und schau selber, sagten sie, und das machte ich. Bei ihrer Suche bekam Heide unschätzbare Hilfe. Der Archivar brachte sie auf eine neue Spur, der sie nachging; ein neuer Name, ein uneheliches Kind. - Ich verfolgte die Linie der Mutter und stellte fest, dass diese Seite der Familie einen deutschen Namen hatte – Brauer. Es war ein Brauer, der 1745 das deutsche Mecklenburg in Richtung Schweden verlassen hatte und sich in Kosta als Glasbläser ansiedelte. Die Familienforschung ergab auch, dass Heide Isrun einen Zweig der Familie in Transjö entdeckte, die aber nicht länger als Glasbläser arbeiteten. - Ich hatte meine Liste mit Namen, und er hatte seine Liste, und wir sahen, dass wir zur selben Familie gehörten, berichtet sie. In diesem Sommer hat Heide mit ihrem Mann den Ingenieur Bernhard Brauer besucht, dessen Großvater noch Glasbläser war, und zuvor die Mittelalterwoche auf Gotland erlebt. Auf dem Rückweg nahmen sie die Gelegenheit wahr, das Auswandererhaus zu besuchen und überreichten »Ein Sommer in Småland« als Dank für die Hilfe. - Alle haben von der Auswandererwelle nach Amerika gehört, aber dass es eine nach Deutschland gab, weiß kaum jemand. Die Schweden selber scheinen das Auswandererhaus nicht zu nutzen, um nach ihren Wurzeln zu suchen, da sie meinen, es sei nur für die anreisenden Amerikaner da. Und das ist für Heide schwer zu verstehen – sowohl das schwindende Interesse fürs Auswandererhaus als das Desinteresse an der eigenen Familiengeschichte. - Die Vergangenheit ist doch ein Teil von uns, je mehr du weißt, desto leichter wird es, findet Heide, die durch das Schreiben die alten Gespenster ihrer Kindheit verscheucht hat. - In meiner Familie wurde viel geschwiegen, auch bei Tisch redete man nicht Meine Mutter machte mir immer nur Angst. Lass das lieber sein, sprich nicht darüber, frage nicht. Auch über den Krieg sprachen sie nicht. Aber ich bin neugierig. Ich finde es besser, Bescheid zu wissen. Durch das Schreiben habe ich viel über mich selbst gelernt und bin meinen Eltern etwas näher gekommen, sagt Heide. Das, was Heide Isrun im Zusammenhang mit der Familienforschung entdeckte, sind keine Schrecklichkeiten, keine Mörder oder Kriegsverbrecher, sondern uneheliche Kinder. Die unerwünscht waren. Die ausgestoßen wurden. The family curse, sagt Heide. Der Familienfluch. Je länger sie in der Zeit zurückging, desto größer war die Scham, entdeckte sie. Immer bekamen die Frauen Kinder, bevor sie heirateten, bis heute, aber ich habe die Kette unterbrochen, ich habe keine Kinder, erzählt sie, die unterrichtet hat und Theaterstücke übersetzte. Dank eines Literaturagenten wurde ihre Schriftstellerambition Wirklichkeit. Und der Autorenname zu Isrun Lorenz verkürzt - Der Verlag fand, Isrun klingt so schwedisch. Dabei ist es mein echter Vorname, und ich mag ihn sehr. Für Heide Isrun, die in zehn Jahren eine Reihe von Manuskripten geschrieben hat, war das kein großes Opfer. - Schweden ist in Deutschland im Augenblick sehr beliebt. Man liest gern über Mittsommerfeiern und Mitternachtssonne. Das Interesse an Schweden hat Heide Isrun Lorenz auch geholfen, ihr Buch zu veröffentlichen. Der nächste Roman wird an der Westküste spielen, in den schwedischen Schärengärten. - I'm hooked on Sweden, ruft Heide laut. Ich bin ganz vernarrt in Schweden. Ihrem Lachen nach zu urteilen, findet sie das nicht schlimm, es klingt nur ein bisschen wehmütig. - Im Sommer fahrt ihr Schweden in eure Sommerhäuser und versammelt die ganze Familie um euch. Das hätte ich mir auch gewünscht. Was sie sich im Moment am meisten wünscht, ist, dass »Ein Sommer in Småland« ins Schwedische übersetzt wird.